Gehirnerschütterung erkennen und behandeln

Die Gehirnerschütterung gehört zu den Verletzungen, die von vielen Betroffenen verharmlost wird. Allein schon der häufige Satz “Es ist nur eine kleine Gehirnerschütterung!” bagatellisiert die Verletzung gleich zweifach. Dabei wissen viele Betroffene gar nicht, worum es sich eigentlich handelt und welche Spätfolgen durch eine mangelnde Behandlung auf sie zukommen können.
Der Vergleich mit einem harmlosen Hämatom oder einer kleinen Prellung ist nicht ausreichend, denn die Gehirnstrukturen sind gegenüber Schlägen weit empfindlicher.

Immer zum Arzt!

Allein in Deutschland behandeln die Fachärzte 120 000 Gehirnerschütterungen pro Jahr. Leider suchen viele Menschen selbst mit eindeutigen Symptomen keinen Arzt auf und gefährden so unnötig ihre Gesundheit.
Die Stoßempfindlichkeit des Kopfes wird nur allzu häufig unterschätzt. Während nach einem Auto- oder Fahrradunfall die Untersuchung selbstverständlich ist, lauern Gefahren noch in vielen anderen, weit alltäglicheren Situationen. Der Kopfstoß am Schrank, das einfache Stolpern oder aber der Fußball gegen den Kopf – all diese Fälle können eine Gehirnerschütterung zur Folge haben. Ja, selbst das so harmlos wirkende Fußballspiel kann schwere Verletzungen hervorrufen. Nicht ohne Grund ist Kindern unter 11 Jahren in den USA das Kopfballspielen im Sportunterricht verboten.
Doch auch bei vielen anderen Sportarten lauern Gefahren. Ob Kampf- oder Mannschaftssport – bedenkt man die Verletzungsgefahr hinsichtlich einer Gehirnerschütterung, scheint das alte Motto Winston Churchills fast zu stimmen: “Sport ist Mord” – oder zumindest sehr gefährlich!

Gehirnerschütterung erkennen
Auch bei leichten Symptomen sollten Sie Ihren Arzt aufsuchen / Bild: Pixabay.com/de – tpsdave

Das Schädel-Hirn-Trauma – ein grundlegendes Verständnis

Ein Schädel-Hirn-Trauma wird durch Schläge oder Stöße gegen den Kopf ausgelöst. Das Gehirn lagert normalerweise schwimmend in der Gehirnflüssigkeit, dem Liquor cerebrospinalis, und wird nach außen vom Schädelknochen geschützt. Erfährt der Kopf einen Stoß, prallt das Gehirn gegen den Schädelknochen und wird dabei verletzt. Da bei dieser Interaktion nicht zwingend eine äußerlich sichtbare Wunde entstehen muss, ist die Diagnose für Laien nicht ganz einfach.

Das Schädel-Hirn-Trauma wird anhand seiner Stärke in drei Verletzungsgrade untergliedert:
Der leichteste ist die Gehirnerschütterung (Commotio cerebri), gefolgt von der Gehirnprellung, der Contusio cerebri, und schlussendlich von der schwersten Form, der Gehirnquetschung (Compressio cerebri). Die Übergänge sind fließend und ohne apparative Hilfsmittel nur durch die ausführliche Arztanamnese zu unterscheiden.

Die Diagnose – Fragen entpuppen die Gefahr

Die Schwere einer Gehirnerschütterung definiert der Facharzt anhand der Glasgow-Koma-Skala, kurz GCS. Dabei beurteilt der Arzt, ob bzw. wie schnell der Patient seine Augen öffnen kann, sich bewegt und ob er vernünftige Sätze bildet.
Diese drei ganz verschiedenen Bewusstseinsfunktionen sind nicht zufällig ausgesucht. Um die Aufgaben ausführen zu können, werden ganz unterschiedliche Hirnbereiche bzw. die Zusammenarbeit dieser benötigt. Visuelle Wahrnehmung, Sprache und Motorik sind wichtige Hirnareale, die durch den Test einfach untersucht werden.

Kann der Arzt durch diese Anamnese eine schwerere Verletzung nicht vollständig ausschließen, wird er zu apparativen Hilfsmitteln greifen. Mit einem CT oder MRT kann er Hirntraumata eindeutig erkennen. Auch Verletzungen der oberen Halswirbelsäule oder des Schädelknochens können so ausgeschlossen werden. Die Untersuchungen sind schmerzfrei und werden heute in vielen Krankenhäusern durchgeführt.

Gehirnerschütterung erkennen
Eine Gehirnerschütterung kann mittels CT festgestellt werden / Bild: Pixabay.com/de – WikiImages

Symptome, die jeder erkennt

Dem Laien bleiben diese Feinheiten häufig eher verborgen. Jedoch gibt es auch ganz typische Symptome, die jeder einer Gehirnerschütterung zuordnen kann, ohne die Glasgow-Koma-Skala zu bemühen.

  • Bewusstlosigkeit
    Tritt direkt nach einem Schlag eine Bewusstlosigkeit ein, kann von einem Schädel-Hirn-Trauma ausgegangen werden. Bei Besinnungslosigkeit von weniger als 15 Minuten handelt es sich häufig um eine Gehirnerschütterung. Doch selbst eine nur wenige Sekunden dauernde Besinnungslosigkeit sollte vorsichtshalber vom Arzt kontrolliert werden.
  • Schwindel
    Gleichgewichtsstörungen oder Schwindel sind untrügliche Anzeichen für eine Gehirnerschütterung. Dabei müssen die Symptome nicht unmittelbar nach dem Stoß auf den Kopf auftreten. Zeitliche Abstände von mehreren Stunden sind keine Seltenheit.
  • Kopfschmerzen
    Das wohl eingängigste Symptom einer Gehirnerschütterung sind Kopfschmerzen, denn nur wenige wird es verwundern, dass ein Schlag auf den Kopf mit Schmerzen endet.
  • Amnesie
    Auch eine Amnesie begleitet eine Gehirnerschütterung nicht selten. Am häufigsten vermisst der Betroffene die Erinnerung der letzten Sekunden bzw. Minuten vor dem Unfall. Die retrograde Amnesie kann mitunter zeitlebens bestehen bleiben. Glücklicherweise fehlen den Patienten meist nur wenige Minuten ihrer Erinnerung.
    Eine anterograde Amnesie beschreibt das Symptom, dass Patienten wenige Minuten nach dem Unfall keine Erinnerung mehr haben. Sie erinnern sich beispielsweise nicht mehr, wie sie aufgestanden, nach Hause oder ins Krankenhaus gekommen sind, obwohl sie nachweislich bei Bewusstsein waren.
  • Wahrnehmungsstörungen
    Einige Zeit nach einer Gehirnerschütterung können diverse Wahrnehmungsstörungen auftreten. Empfindlichkeit gegenüber Licht, verschwommenes Sehen, verringertes Geschmacksempfinden oder sogar fehlendes Schmerzbewusstsein sind möglich. Häufig treten die Symptome nicht aufgrund einer Gehirnläsion, sondern einer Überstimulation der Nervenbahnen auf. Das Gehirn braucht Ruhe, um den Schock und das Übermaß elektrischer Reize zu verarbeiten.
  • Übelkeit
    Obwohl es merkwürdig klingt, ist auch Übelkeit bis hin zu Erbrechen ein untrügliches Anzeichen für eine Gehirnerschütterung.
    Man denke nur an die Entstehung der Seekrankheit, um sich vor Augen zu führen, dass fehlerhafte, bzw. nicht zusammenpassende Wahrnehmungsreize zu Übelkeit führen können.
Gehirnerschütterung erkennen
Gönnen Sie Ihrem Körper absolute Ruhe / Bild: Pixabay.com/de – AlexVan

Ruhe – das oberste Gebot der Behandlung

Während der Patient nach einer schweren Gehirnerschütterung sogar einige Tage im Krankenhaus verbringen muss, darf er nach einer leichten Verletzung häufig sofort wieder nach Hause. Arzneimittel gegen die Erschütterung selbst gibt es nicht, der Arzt kann ausschließlich Schmerzmittel oder Medikamente gegen Übelkeit verschreiben.
Das Wichtigste nach einer Gehirnerschütterung ist Ruhe. Da sowohl körperliche als auch geistige Belastung die Heilkräfte des Körpers behindern, heißt die Devise: Bettruhe und auch keine geistige Anstrengung. Was alle Schulkinder zunächst freut, da Hausaufgaben und Lernen tabu sind, kehrt sich schnell ins Gegenteil. Denn auch Zeitschriften, Bücher, Videospiele und Fernsehen sind verboten. Und für die Erwachsenen: Bitte keinen Alkohol!
Das Gehirn muss sich von der Reizüberflutung erholen und darf nicht mit weiteren Reizen zusätzlich belastet werden.
Selbst eine schwache Gehirnerschütterung verlangt nach mindestens zwei Tagen Bettruhe und sogar einer Woche ohne Sport oder extremer Belastungen. Der Kopf selbst sollte jedoch noch länger geschont werden.

Wer die Ratschläge seines Arztes ignoriert, beschwört das “Second Impact Syndrom” herauf. Dabei kommt es dem Namen entsprechend zu einem zweiten Schub, der mit Kreislaufbeschwerden und Kopfschmerzen einhergeht. Schlimmstenfalls drohen sogar Hirnschwellungen und lebenslängliche Folgeschäden.

Langzeitfolgen – wenn das Gehirn erkrankt

Während Gehirnprellungen und -quetschungen meist mit einer irreversiblen Zerstörung von Strukturen einhergehen, dachten Mediziner lange, dass eine Gehirnerschütterung nur eine temporäre Funktionsbeeinträchtigung ist. Obwohl dies glücklicherweise häufig der Wahrheit entspricht, zeigen neuere Untersuchungen, dass vor allem schwere Gehirnerschütterungen, mangelnde Behandlungen und eine Aufsummierung mehrerer Verletzungen, auch zu Langzeitfolgen führen können.

Das postkommotionelle Syndrom beschreibt mehrere Wochen andauernde Symptome. Vor allem Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Reizempfindlichkeit gehören dazu. Doch auch Konzentrationsprobleme und eine verminderte geistige Leistungsfähigkeit sind gefürchtete Folgen. Lange umstritten war hingegen die Entstehung von epileptischen Anfällen und Demenz. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen aus Toronto konnten sogar nachweisen, dass selbst einmalige Gehirnerschütterungen die Wahrscheinlichkeit von Depressionen und sogar Selbstmordversuchen deutlich erhöhte.

Titelbild: Pixabay.com/de – geralt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.