Bild Mädchen im Krankehnhaus

Hospitalismus – Symptome, Ursachen & Behandlung

Ein Krankenhausaufenthalt ist für keinen Betroffenen eine angenehme Situation. Schließlich ist man so krank, dass eine stationäre Behandlung notwendig ist, um eine Genesung bestenfalls zu garantieren. In Zeiten, in denen Medien immer wieder von resistenten Krankenhauskeimen berichten, befürchten Betroffene zudem meist die Ansteckung einer Folgeerkrankung.
Das gerade ein längerer Krankenhausaufenthalt oder ein Aufenthalt in einer Einrichtung der stationären Pflege auch die Psyche krank machen kann, zeigt das Krankheitsbild des psychischen Hospitalismus.

Was ist Hospitalismus?

Ist von psychischem Hospitalismus die Rede, beschreiben Fachleute meist psychische und geistige Beeinträchtigungen, die auf Grund eines längeren Krankenhausaufenthaltes oder einem längeren Aufenthalt in einer stationären Pflegeeinrichtung auftreten. Besonders stark betroffen sind hiervon Kleinkinder und Säuglinge. Jedoch können auch Erwachsene und ältere Menschen unter Symptomen von Hospitalismus leiden.
Im Volksmund ist die psychische Erkrankung auch als „Krankenhaus-Koller“ bekannt.

Welche Ursachen hat psychischer Hospitalismus?

Betroffene zeigen Symptome des sogenannten Krankenhaus-Kollers, wenn es ihnen über einen längeren Zeitraum an emotionaler Zuwendung mangelt. Der Bedarf emotionaler Ansprache ist bei schweren Krankheitsverläufen zudem besonders hoch und kann vom Stationspersonal nur in seltenen Fällen abgedeckt werden.

Emotionale Zuwendung fehlt, wenn:

  • eine längere Trennung zu Bezugspersonen gegeben ist (zum Beispiel bei Kindern wenn die Mutter nicht die ganze Zeit anwesend sein kann)
  • direkter, körperlicher Kontakt zu einer gewohnten Bezugsperson fehlt (besonders betroffen sind Säuglinge, die in einem Inkubator intensiv medizinisch behandelt werden müssen)
  • soziale Beziehungen und Kontakte fehlen

Die Ursachen werden unter Fachleuten als Deprivation (aus dem lateinischen „deprivare“ übersetzt: „Beraubt“) bezeichnet und beschreibt den Zustand, das Betroffene ein Bedürfnis nicht befriedigen können, was sie für ihr Wohlbefinden brauchen und/oder sich wünschen.

Hierbei wird wie folgt unterschieden:

  • kognitive Deprivation: Dem Betroffenen fehlt es an Reizen, die Kreativität, Orientiertheit, Vorstellung und Wahrnehmung fordern.
  • sensorische Deprivation: Dem Betroffenen fehlt es an Reizen, die die Sinne (Hören, Fühlen, Sehen) fordern.
  • soziale Deprivation: Dem Betroffenen fehlen emotionale Nähe und der (körperliche) Kontakt zu Bezugspersonen.

Die sogenannte Krankenhausatmosphäre, die meist wenig mit dem vertrauten Zuhause gemeinsam hat, begünstigt ein rasches Auftreten de Deprivation: Ungemütliches Licht, ein Mangel an gewohnten Geräuschen, starre Besuchszeiten und das fehlen unterschiedlicher visueller Reize führen bereits nach kurzer Zeit zu Störungen des Verhaltens und Erlebens.

Bild depressives Mädchen

Welche Symptome weisen auf Hospitalismus hin?

Sind fehlende Reize die Ursache von auffälligen Verhalten, äußert sich dieses gerade bei Kindern in einem inneren Rückzug. Bezugspersonen und Pflegepersonal erlangen schnell das Gefühl, dass sich der Betroffene aus der Realität zurückzieht. Die Umwelt wird auch bei Steigerung der angebotenen Reize nur noch wenig bis gar nicht beachtet. Betroffene haben kaum bis gar keinen Drang mehr nach Bewegung und wirken auf andere teilnahmslos und desinteressiert. Gerade Kinder, die sich im Krankenhaus oft allein gelassen fühlen, können ausgeprägt weinen, jammern und über einen länger anhaltenden Zeitraum schreien.
Diese Symptome sind erste Warnzeichen, die einen psychischen Hospitalismus ankündigen. Etwa nach drei bis fünf Monaten kann dieser schwere Entwicklungsstörungen nach sich ziehen.

Daher weisen folgende Beeinträchtigungen und Entwicklungsstörungen auf diese schwere Diagnose hin:
  • Anpassungsstörungen in soziale Prozesse
  • Störungen in der Sprachentwicklung
  • Verzögerung in allgemeiner Motorik und körperlichen Entwicklung
  • übermäßiges Misstrauen und/oder Distanzlosigkeit gegenüber Fremden weisen auf eine Kontaktstörung hin
  • Angst, Apathie
  • erhöhte Anfälligkeit für Infektionen
  • Depressionen
  • Einnässen
  • autoaggressives Verhalten (Selbstverletzung)
  • Verweigerung von Nahrung
  • Störungen im Aufbau stabiler, sozialer Bindungen

Diese Symptome können auch Erwachsene zeigen, die einsam und zurückgezogen leben, zum Beispiel in Pflegeheimen. Daher betrifft psychischer Hospitalismus auch Erwachsene.
Ein typisches Symptom, was Betroffene von psychischem Hospitalismus zeigen, ist das Vor-und-Zurück-Wippen oder Schaukeln, beidem Beine und Arme angezogen werden. Es wird davon ausgegangen, dass damit eine Trosthaltung eingenommen wird, die den fehlenden körperlichen Kontakt zu Bezugspersonen kompensieren soll.

Bild Mutter und Kind

Kann man psychischen Hospitalismus behandeln und wenn ja, wie?

Generell gilt: Je eher auf die Symptome eingegangen wird, umso besser ist dies für Betroffene. Gerade bei Kindern und Babys, die sich einem längeren Krankenhausaufenthalt unterziehen müssen, ist eine dauerhafte oder über viele Stunden angelegte Betreuung von Bezugspersonen daher eine wichtige Säule in der Prävention und Behandlung dieses Syndroms.

Je nach Ausmaß sind die beschriebenen Symptome auch dann behandelbar, wenn sie in Vielzahl auftreten. Verbessern sich die äußeren Umstände und kann Deprivation aufgehoben werden, verbessert sich der Zustand des Betroffenen meist kurzfristig. Voraussetzung für die Besserung ist jedoch, dass sich nicht bereits eine weitere Störung in der Folge des psychischen Hospitalismus gebildet hat. Ist dies der Fall, wird eine Behandlung schwieriger und umfangreicher.

Häufig bleiben durch die emotionale und soziale Vernachlässigung der Betroffenen Störungen der Bindungsfähigkeit, Angststörungen sowie emotionale Stumpfheit oder extreme Reizbarkeit zurück. Gerade Kinder benötigen zudem viel Körperkontakt. Können Eltern oder andere Verwandte diese Aufgabe nur zum Teil oder gar nicht erfüllen, sollte konstant anwesendes Pflegepersonal diese Aufgabe übernehmen, um Vertrautheit, Geborgenheit und die sogenannte „Nestwärme“ zu vermitteln.

Säuglinge und Babys die keinerlei emotionale und körperliche Zuneigung erfahren, versterben auch dann, wenn alle lebenserhaltenden Funktionen gegeben sind (Nahrung, Sauerstoff, ect.). Studien mit Frühgeborenen zeigen, dass der Körperkontakt zu den Eltern die Herzfunktion nachhaltig stabilisiert.
Bei einem längeren Krankenhausaufenthalt ist es daher wichtig, neben der primären medizinischen Versorgung weitere Reize zu stimulieren. Dies kann zum Beispiel durch Bewegungsangebote, Kunst- und Musiktherapie oder die Förderung sozialer Kontakte geschehen.

Bilder, Blumensträuße, persönliche Gegenstände und Dekoration schaffen zudem eine heimisches, vertrautes Gefühl, sprechen die Sinneswahrnehmung an und lassen den Aufenthalt im Krankenhaus oder Pflegeheim angenehmer werden.

Bild schlaffe Muskeln

Physischer Hospitalismus

Neben dem psychischen Hospitalismus kann auch der physische Hospitalismus auftreten. Dieses Syndrom beschreibt alle körperlichen Schäden, die auf einen (längeren) Krankenhausaufenthalt zurück zu führen sind. Bekannt und gefürchtet sind in diesem Zusammenhang die Infektionen mit sogenannten multiresistenten Keimen,. Patienten müssen für diese Form von Hospitalismus nicht einmal stationär im Krankenhaus aufgenommen werden. Auch eine ambulante Behandlung in einem Krankenhaus kann eine Infektion ermöglichen.

Keime, die physischen Hospitalismus hervorrufen besitzen folgende Eigenschaften:

  • Resistenzen gegen gängige Antibiotika, was eine Behandlung erschwert
  • große Widerstandsfähigkeit gegenüber Desinfektionsmitteln
  • können sich schnell weiterverbreiten

Neben Infektionen mit diesen Keimen beschreibt physischer Hospitalismus zudem andere körperliche Veränderungen, die nicht auf die Erkrankung zurückzuführen sind, wie zum Beispiel:

  • Thrombose
  • Dekubitus (Wundliegen) durch falsche Lagerung
  • Verkürzungen von Muskeln und Sehnen
  • Erschlaffung der Muskulatur (Atrophie)
  • Störungen des Veraungstraktes

Kommt es in Folge des physischen Hospitalismus zu einem erneuten oder längeren Krankenhausaufenthalt, kann psychischer Hospitalismus die Folge sein.

Bildernachweis:
Titelbild – Mädchen im Krankenhaus Urheber: stockbroker / 123RF Standard-Bild
depressives Mädchen Urheber: bialasiewicz / 123RF Standard-Bild
Mutter und Kind Urheber: oksun70 / 123RF Standard-Bild
Mann mit schlaffen Muskeln Urheber: CC0 Public Domain-Pixabay.com