Was der Mensch nicht sehen kann, versteht er oft nicht. Kein Wunder also, dass psychische Erkrankungen so manchem Irrglauben unterliegen.

Irrtümer über psychische Erkrankungen

Eine leidende Psyche ist nicht so offensichtlich wie eine physische Verletzung. Dementsprechend haben sich auch einige Irrtümer in die Gesellschaft eingeschlichen.

Umgelegt auf die gesamte Geschichte der Medizin ist der Faktor menschliche Psyche ein sehr, sehr junges Feld. Erst im Verlauf der 1800er begannen Wissenschaftler wie Wilhelm Griesinger und natürlich einer von Österreichs berühmtesten Söhnen, Sigmund Freud, sich auf einer seriösen Basis diesem Thema anzunähern – wo andere medizinische Felder wie Wundheilung und selbst Virologie bereits seit Jahrhunderten oder noch länger praktiziert wurden. Doch nicht nur ist die Erforschung psychischer Erkrankung noch ein junges Feld, sie unterliegt auch dem „Makel“, dass die allermeisten der damit verbundenen Leiden dem Auge verborgen bleiben. Dementsprechend gibt es viel falsches und Halbwissen dazu. Mit drei besonders prominenten Irrtümern möchte der folgende Artikel aufräumen.

Depressionen
Der depressive Milliardär ist ein sehr gängiges Klischee. Doch materieller Wohlstand ist definitiv kein Auslöser von Depressionen.

1. Depressionen sind eine Luxuskrankheit

Es klingt so logisch: Vor allem in den westlichen, also reichen Nationen, in denen die meisten Menschen bestens mit allem, was man zum Leben braucht, versorgt sind (und noch viel mehr), steigen seit Jahren die Zahlen der diagnostizierten Fälle von Depressionen. Für Laien ist damit die Sachlage glasklar: „Uns“ geht es viel zu gut. Dort, wo „echte“ Probleme herrschen, wo Hunger, Not, Krieg und Elend auf der Tagesordnung stehen, haben die Menschen keinen Platz, um sich mit „Trübsalblaserei auf höchstem Niveau“ zu befassen. Genährt werden solche Vorstellungen dann auch noch von eigentlich seriösen Personen. So behauptet der Hamburger Journalist und Psychologe Martin Tschechne, der Westen würde psychische Störungen regelrecht exportieren.

Tatsächlich ist die Vorstellung vom übersättigten Erstwelt-Bewohner, der mangels echter Herausforderungen Depressionen entwickelt, schlicht gesagt unhaltbar. Denn zum einen gibt es nicht „die“ Depression. Es ist ein Sammelbegriff, unter dem sich unterschiedliche Ausprägungen versammeln. Und zum anderen können Depressionen zahllose Auslöser haben. Eine mangelhafte Neuvernetzung des Gehirns kann Depressionen ebenso auslösen wie Hormonstörungen, Infektionen, Einsamkeit, Lebensphasen – und Kultur, als etwas, das man mit unserer westlichen Lebensweise verbinden könnte, ist nur ein Mosaiksteinchen. Das einzige, was den Westen von „Elendsregionen“ der Welt unterscheidet: Hier kann man sich diagnostizieren und behandeln lassen. Fakt ist auch, Depressionen lassen sich schon im Mittelalter nachweisen – damals einfach nur als Melancholie bezeichnet und vor allem unter Mönchen verbreitet. Sicherlich kein Zeitalter, von dem man behaupten könnte, dass Menschen damals unter Luxusproblemen gelitten hätten.

Daher gilt: Depressionen sind so alt wie die Menschheit und haben gar nichts mit zu luxuriösen Lebensumständen oder der Abwesenheit von Not zu tun.
Auch wenn alle Süchte sich oberflächlich nach der Art der Befriedigung unterscheiden, stecken doch hinter allen die immergleichen Mechanismen.

2. Jede Sucht ist anders

Es gibt unzählige Dinge, nach denen man süchtig sein kann. Bei dem einen ist es eine Droge. Beim nächsten ist es Einkaufen, Glücksspiel, Sex, Arbeit oder Essen. Da liegt der Glaube nahe, dass es sich um voneinander isoliert zu betrachteten Krankheiten handeln würde. Doch auch das ist tatsächlich meilenweit von der Wahrheit entfernt. Denn primär gibt es nur zwei Sorten von Süchten:

  1. Stoffliche Süchte (Alkohol, Drogen…)
  2. Nicht stoffliche Süchte (Arbeit, Spiel…)

Und egal welche einzelne Sucht man betrachtet, dahinter stecken immer die gleichen Wirkmechanismen. Nehmen wir dazu Spielsucht. Eine vergleichsweise häufige Suchtform mit sehr ausgeprägten Symptomen:

  • Häufiges, unkontrolliertes Spielen
  • Vernachlässigung sozialer Kontakte
  • Dauernde gedankliche Beschäftigung mit dem Spiel
  • Verheimlichung oder Verharmlosung des Verhaltens
  • Entzugserscheinungen
  • Finanzielle Probleme
  • Veränderte Persönlichkeit

Und nun denke man sich das Wort „Spiel“ weg. Dazu mache wir die Gegenprobe und vergleichen die Symptome mit denen der Kaufsucht:

• Häufiges, unkontrolliertes Kaufen
• Die Gedanken drehen sich dauernd um das Kaufen
• Das Verhalten wird negiert oder verheimlicht
• Entzugserscheinungen
• Finanzielle Probleme
• Veränderte Persönlichkeit

Nahezu deckungsgleich. Natürlich könnte man jetzt noch weitere Gegenproben mit anderen Süchten machen, doch immer wären die Schnittmengen ganz erheblich. Das liegt schlicht daran, dass der Kern einer Sucht immer gleich ist: Das Belohnungssystem der Betroffenen ist durch irgendeinen Grund gestört. Beim einen führt es dazu, dass selbst hohe Spielgewinne ihn nicht glücklich machen, beim anderen hingegen, dass er trotz gefährlichen Untergewichts immer noch glaubt, er habe zu viel auf den Rippen – denn auch das Wirkprinzip aller Süchte ist ebenso immer gleich: Die Dopamin-Rezeptoren werden durch die Erfüllung der Sucht aktiviert. Und dadurch hat prinzipiell alles, was wir gut finden könnten, zumindest in der Theorie das Zeug dazu, sich zu einer Sucht zu entwickeln. Tatsächlich sind die Annalen der Psychotherapie voll von höchstungewöhnlichen Süchten. Menschen, die zwanghaft Schrauben verschlucken, Menschen, die Make-Up essen.

Daher gilt: Süchte können sich zwar unterschiedlich zeigen, dahinter steckt aber die immergleiche Problematik. Wonach ein Mensch letztlich süchtig wird, hängt nur von mittelbaren Faktoren wie Erziehung, Beschaffbarkeit, sozialem Umfeld ab.
Schon die Tatsache, dass so viele Soldaten, also sicher keine „Weicheier“ mit PTSD zu kämpfen haben, sollte Beweis genug dafür sein, dass psychische Erkrankungen auch starke Charaktere befallen.

3. Nur schwache Menschen werden psychisch krank

Nicht nur in Österreich, sondern sehr vielen Ländern wuchsen die Menschen seit Jahrtausenden mit einem ganz bestimmten Ideal auf, das sich am besten durch folgenden Satz beschreiben lässt „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Es dürfte, vornehmlich unter dem männlichen Teil der Leserschaft, nur wenige geben, die diesen Satz nicht als Kind zumindest ab und zu hören bekamen.

Im Kern geht es also darum, dass Krankheiten als Schwäche begriffen werden. Als etwas, das man durchaus schamvoll zu verleugnen habe. Tatsächlich ist dies nicht, wie es heute oftmals vermutet wird, ein modernes soziokulturelles Problem einer Macho-Gesellschaft, sondern entstammt vielmehr unseren evolutionären Wurzeln: In früheren Zeiten, als die Verletzung einzelner die ganze Gruppe bedrohen konnte, war es oftmals tatsächlich notwendig, sich den Schmerz zu verbeißen – gefördert auch von der Fähigkeit unseres Körpers, in Extremsituationen u.a. durch Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol auch schwerste Verletzungen kurzzeitig noch zu kompensieren.

Wer das versteht, versteht jedoch auch, warum psychische Erkrankungen heute noch vielfach als Ausdruck von Schwäche angesehen werden. Es gibt keine sichtbare Verletzung, keine gebrochenen Knochen, es fließt kein Blut. Diese Fixierung aufs Sichtbare ist durchaus einem falschen Machismo anzulasten. Denn ganz genau so wie jeder sich ein Bein brechen kann, kann auch jeder im Lauf seines Lebens an einer psychischen Erkrankung leiden – schon, weil es so viele Auslöser gibt. Es reicht bereits eine hormonelle Schieflage, um Depressionen hervorzurufen. Eine Trennung kann auch gefestigte Menschen in tiefe Trauer stürzen. Und es gibt zahllose Fälle von Personen, die psychische Probleme hatten, die wahrlich nicht als „schwach“ tituliert werden können.

  • Edwin Aldrin, erfolgreicher Jagdpilot im Koreakrieg, Testpilot und nach Neil Armstrong zweiter Mann auf dem Mond, litt unter Depressionen und Alkoholsucht
  • Sebastian Deisler, Profifußballer, kämpfte mit schweren Depressionen, die ihn seine Karriere beenden ließen
  • Winston Churchill, wichtigster britischer Politiker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der an fünf Kriegen als Soldat teilgenommen hatte, litt zeitlebens unter starken Depressionen

Und diese Auflistung deckt auch nicht die Millionen von Soldaten ab, die in zahllosen Kriegen fochten und mit posttraumatischen Belastungsstörungen heimkehrten. Auch sie gab es schon immer, mangelnde Härte kann man diesen Veteranen sicher nicht vorwerfen.

Jeder kann psychisch krank werden. Wie „hart“ oder „nicht hart“ derjenige ist, hat absolut gar nichts damit zu tun.

Fazit

Psychische Erkrankungen haben ein Problem. Alles, was man von ihnen zu sehen bekommt, sind davon ausgelöste Handlungen. Und was der Mensch nicht sehen kann, bereitet ihm schon immer Kopfzerbrechen, lässt ihn mit Unverständnis reagieren. Insofern ist es leider kein Wunder, dass über psychische Erkrankungen so viele falsche Ansichten grassieren. Ein gebrochenes Bein kann man schienen, eine ramponierte Schulter bandagieren. Doch wo die Seele darbt, sind weder Diagnose noch Behandlung auch nur annähernd so einfach. Dabei sind gerade die Verletzungen, die man nicht sehen kann, oftmals die allerschlimmsten.

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