Kiefergelenkbeschwerden – ein vielschichtiges Problem

Beim Sprechen und Kauen bewegen wir das Kiefergelenk und üben über dieses teilweise deutlichen Druck aus. Dafür ist nicht nur ein stabiles Gelenk, sondern auch eine kräftige Muskulatur vonnöten. Fehlstellungen des Kiefers, Zahnprobleme oder psychischer Stress können zu einer Fehlbelastung der Strukturen führen und so starke Beschwerden verursachen. Diese betreffen jedoch nicht nur den Kiefer selbst. Da viele andere Stützstrukturen und Muskelfasern mit dem Kiefergelenk verbunden sind, können z.B. auch Tinnitus, Nacken- und Rückenschmerzen entstehen.

Das Kiefergelenk – mit Kraft zubeißen

Das Kiefergelenk, Articulation temporo-mandibularis, verbindet den Unter- mit dem Oberkiefer und ermöglicht durch seine Knorpelschicht (Diskus) sowohl Dreh- als auch Gleitbewegungen. Durch die Kombination dieser Bewegungsfreiheit sind wir in der Lage, zu kauen und zu sprechen. Vor allem die Sprache bedingt ein flexibles Kiefergelenk, das mehr als nur Gleitbewegungen vollbringt.

Kräftige Muskelfasern, Sehnen und Bänder stabilisieren die Knochenstrukturen und verleihen ihnen die notwendige Kraft beim Zubeißen. Und diese ist nicht unerheblich. Viele haben schon in einem Zirkus Menschen beobachtet, die ihr gesamtes Körpergewicht nur mit dem Gebiss halten. Doch auch in alltäglichen Situationen übt jeder bis zu 70 kg Kraft auf die Zähne aus.
Ein gesunder Kiefer, der richtig belastet wird, hält diese temporären Superleistungen ohne Schaden aus. Fehlbelastungen erzeugen hingegen vehemente Probleme und münden nicht selten in einer nicht enden wollenden Ursachenforschung.

Das Problem: viele Folgeschäden der Kiefergelenkbeschwerden werden nicht unmittelbar mit dem Kauapparat in Verbindung gebracht. Bei Ohrgeräuschen suchen wir einen Hals-Nasen-Ohrenarzt auf, bei Rückenschmerzen einen Orthopäden usw., der Zahnarzt steht ganz weit unten auf der Ursachenliste.

Die Symptome – eine lange Liste

Erste, häufig vernachlässigte Symptome von Kiefergelenkbeschwerden kann jeder selbst erkennen. Einfach ein paar mal den Mund öffnen und wieder schließen und dabei genau zuhören. Knackt es im Gelenk unangenehm? Dann liegt vermutlich eine Erkrankung im Kiefergelenk vor.

Ein weiterer Heimtest untersucht das Schließverhalten der Zähne. Beim Zubeißen sollten alle Zähne locker aufliegen ohne ein Spannungs- oder Druckgefühl zu verursachen.
Bei erkannten Problemen ist stets zu einem Arztbesuch geraten – denn auch bei Kiefergelenkbeschwerden gilt: Je früher die Gefahr erkannt wurde, desto eher kann der Zahnarzt Gegenmaßnahmen ergreifen. So lässt sich eine lange Leidensgeschichte verhindern und Folgeerkrankungen vorbeugen.

Weitere, nicht zu vernachlässigende Symptome von Kiefergelenkbeschwerden sind:

1.) Schmerzen in Nacken, Rücken und Becken
2.) Schwindelgefühl
3.) Wahrnehmungsstörungen
4.) Ohrschmerzen oder -geräusche
5.) depressive Verstimmungen, Müdigkeit und Antriebslosigkeit
6.) Zähneknirschen – tags und nachts
7.) Schmerzen

Die Diagnostik – vier Schritte zur Gewissheit

Der Zahnarzt kann die verschiedenen Ursachen anhand vier einfacher Diagnoseschritte ergründen.

Kiefergelenkbeschwerden1.) Anamnese
In einem ausführlichen Arztgespräch schildert der Patient zunächst seine Beschwerden. Neben der zeitlichen Ausdauer sind auch verschlimmernde oder lindernde Verhaltensweisen ein wichtiges Indiz für den Arzt, woher die Kiefergelenkbeschwerden stammen.
2.) Klinische Funktionsanalyse
Der zweite Schritt ist eine klinische Funktionsanalyse. Dabei werden natürlich zunächst die Zähne begutachtet. Der Arzt erkennt dabei nicht nur Karies und Parodontose, sondern auch mögliche Abriebspuren der Zähne, einen Überbiss oder sogar entzündliche Vorgänge. Er untersucht, wie der Kiefer schließt und erkennt so Probleme.
3.) Röntgen
Nicht selten schließt sich an die Anamnese das Röntgen an. Hier erkennt der Arzt nicht nur versteckten Karies, sondern auch Verschleißerscheinungen, Entzündungen, Zysten und vieles mehr. Wer einen Röntgenpass führt, sollte diesen also unbedingt zur Behandlung mitbringen.
4.) Instrumentelle Funktionsanalyse
Abhängig von der Diagnose kann sich noch eine klinische Funktionsanalyse anschließen. Dafür wird ein Zahnabdruck angefertigt und Größe sowie Lage des Kiefergelenks bestimmt. Im Labor ermöglicht der Artikulator eine Rekonstruktion des Schließmechanismus. Durch eine Veränderung der Parameter kann der Zahnarzt dann die Behandlung anstreben. Der Artikulator erlaubt schon vor dem Abschleifen der Zähne die dadurch erzielten Erfolge zu sehen.

So sind weniger Behandlungen bei minimal invasiven Maßnahmen notwendig.

Die Kiefergelenkbeschwerden – eine Ursachenforschung

Häufig werden Kiefergelenkbeschwerden durch Zahnfehlstellungen ausgelöst. Schon eine kleine Schieflage der Zähne und das Kiefergelenk schließt nicht mehr optimal, sondern muss stets gegen einen Widerstand angehen. So verschleißt der Diskus schneller als normalerweise, wodurch Betroffene starke Schmerzen im hinteren Kiefergelenk erfahren. Der Diskus dient im gesunden Kiefer als Puffer und Schmierfläche, damit die Knochen nicht gegeneinander reiben. Wird er auch nur einseitig abgerieben, kann er diese Funktion nicht mehr übernehmen und die Beschwerden beginnen.
Neben genetisch bedingten Zahnfehlstellungen, die nicht durch eine Zahnspange behoben wurden, können auch Füllungen, Kronen, Brücken und Implantate sekundär zu einer Fehlstellung führen. Werden diese, ja eigentlich Fremdkörper, unsachgemäß in den Mundraum eingebracht, kann dies den Aufbiss verändern. Oft unmerklich weichen wir dann beim Zubeißen Druck und Schmerzen aus und bringen unserem Kiefer so bei, falsch zu schließen.

Es dauert eine Weile bis die Folgen bemerkbar sind. Dann können jedoch Zähneknirschen, Verspannungen und Entzündungen bereits entstanden sein, die ihrerseits wieder einer Behandlung bedürfen.

Zähne knirschen

Bruxismus – Zähneknirschen für Fortgeschrittene

Jeder Mensch knirscht von Zeit zu Zeit mit den Zähnen. Vor allem bei Stress, Wut oder Schmerzen beißen wir sprichwörtlich die Zähne zusammen und bewegen sie unwissentlich hin und her. Während diese Verhaltensweisen vollkommen normal und für den Kiefer keinesfalls bedenklich sind, gibt es eine nicht unbeachtliche Anzahl an Menschen, die nicht nur in Extremsituationen mit den Zähnen knirschen. Diese leiden an einer chronischen Erkrankung, die sich vor allem im Schlaf bemerkbar macht. Abgeschliffene Zähne, Zahnrisse und -lockerungen sowie eine erhöhte Anfälligkeit für Karies und Parodontose sind nur einige Symptome. Denn während gesunde Menschen die Kiefermuskulatur und -gelenke nur etwa 30 Minuten am Tag einer erhöhten Belastung aussetzen, müssen die Strukturen bei Menschen mit Bruxismus deutlich mehr leisten. Die Folge können Entzündungen, Verspannungen und degenerativer Gelenkverschleiß sein. Das dies alles von Schmerzen begleitet wird und die Menschen unter dem so scheinbar harmlosen Zähneknirschen leiden, muss nicht erwähnt werden.

Therapeutische Maßnahmen gegen Bruxismus sind vor allem die unbeliebte Knirscherschiene. Diese, an den individuellen Zahnabdruck angepasste Schiene aus harten Polymeren schützt die Zähne vor dem Abrieb und soll gleichzeitig die Belastung auf den Kiefer verringern. Leider gelingt vor allem das zweite Ansinnen nicht immer, da viele Menschen trotz Schiene weiter knirschen. Ihre Zähne sind freilich geschützt, jedoch die Kiefergelenke selbst nicht. Daher sollten zusätzlich zu einer Aufbissschiene weitere therapeutische Maßnahmen gegen Bruxismus eingeleitet werden. Diese stellen sich vor allem als Stressmanagement dar.

Bruxismus und Craniomandibuläre Dysfunktion

Der Bruxismus kann auch im Zuge einer Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) auftreten. Hierbei wird das Zähneknirschen nicht aufgrund von Stress ausgelöst, sondern durch eine Fehlstellung des Kiefergelenks induziert. Neben der Knirscherschiene raten Zahnärzte in diesem Fall häufig zu einer Rekonstruktion der Aufbissfläche, sodass das Kiefergelenk wieder normal schließen kann. Durch Implantate, Kronen oder das gezielte Abschleifen einzelner Zähne kann eine ungleichmäßige Bissfläche geebnet werden und so eine Entlastung der Stützstrukturen erfolgen.

Behandlung einer Zahnentzündung

Entzündungen – hier brodelt´s

Nicht nur Zahnfehlstellungen, sondern auch Entzündungen durch virale oder bakterielle Infekte können zu Schmerzen im Kiefergelenk führen. Dabei muss sich die Entzündung nicht einmal im Mundbereich abspielen. Obwohl auch Zahnfleisch- oder Wurzelentzündungen zu Kiefergelenkbeschwerden führen, dürfen auch Ohrerkrankungen nicht außer Acht gelassen werden. Das Kiefergelenk befindet sich direkt hinter dem Ohr, sodass Kieferprobleme auch zu Ohrgeräuschen führen, aber andererseits auch eine Ohrenentzündung Kieferschmerzen verursachen kann.
Weit häufiger werden Entzündungen jedoch durch Weisheitszähne ausgelöst. Wenn diese in der Pubertät durchbrechen, bleibt in vielen Gebissen kein Platz für sie. Druck baut sich auf und Knochen, Zahnfleisch und sogar das hinten liegende Kiefergelenk entzünden sich.

Obwohl sich der ein oder andere im Alter bei schwindenden Zähne seine Weisheitszähne zurückwünscht, müssen diese jedoch häufig entfernt werden.

Tipps für gesunde Kiefergelenke

Der Laie kann gegen Kiefergelenkbeschwerden leider wenig selbst ausrichten. In der Regel ist der Zahnarzt gefragt, Fehlbelastungen auszugleichen und so Schmerzen zu verhindern. Damit dieser effektiv arbeiten kann und der Patient möglichst wenig leidet, ist eine frühzeitige Arztkonsultation angeraten.

Bei akuten Schmerzen hilft nur eines: die entsprechenden Regionen schonen und auf harte Lebensmittel temporär verzichten. Einzig bei Stress induzierten Krankheitsverläufen vermag der Patient selbst einzugreifen. Genügend Ruhepausen, Autogenes Training, Yoga, Sport und Co. helfen, die Psyche zu harmonisieren und können so beispielsweise Bruxismus entgegenwirken.

 

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