Kleptomanie – wenn Diebstahl zum Zwang wird

Wenige Situationen sind entwürdigender, als bei einem Ladendiebstahl erwischt zu werden. Ganz abgesehen von der öffentlichen Bloßstellung und der Verfolgung durch die Justiz ist es bei zahlreichen Menschen vor allem der Drang, stehlen zu müssen und kein Mittel gegen diesen übermächtigen Zwang zu kennen, der sie zutiefst beschämt. Oftmals sind die Dinge, die gestohlen werden, noch nicht einmal von besonderem Wert, weder nach ihrem Preis noch nach ihrer Bedeutung für den Dieb. Wenn Menschen den zwanghaften Drang verspüren, immer wieder stehlen zu müssen, obwohl sie eigentlich keine Not leiden, spricht man von Kleptomanie oder zwanghaftem Stehlen.

Geschichte der Kleptomanie

Wie andere Begriffe aus der klassischen Monomanielehre des frühen 19. Jahrhunderts wurde die Kleptomanie erstmals um 1816 herum als Krankheit benannt. Allerdings geht die moderne Psychiatrie seit inzwischen mehr als 100 Jahren davon aus, dass die sogenannten Monomanien keine eigenständige Krankheit darstellen, sondern immer als Symptom anderer, tiefergehender Störungen anzusehen sind. In der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitssymptome (ICD-10) wird die Kleptomanie jedoch auch weiterhin unter F63.2 als Pathologisches Stehlen unter den Impulsstörungen aufgeführt.

Die von der forensischen Psychiatrie als richtig angesehene Definition, dass es sich bei Kleptomanie nicht um eine eigenständige Krankheit, sondern nur um eine Auswirkung anderer Störungen handelt, ist allerdings auch die Auffassung, nach der Gerichte urteilen. Bei einer Verurteilung wegen Diebstahls kommen schuldmildernde Umstände aufgrund eingeschränkter Steuerungsfähigkeit also nicht in Betracht.

Frau mit Kleptomanie
Kleptomanie ist ein Zwang zum Stehlen.

Was Kleptomanen von Dieben unterscheidet

Menschen, die unter Kleptomanie leiden, stehlen. Deswegen werden sie strafrechtlich als Diebe behandelt und auch oft mit diesen moralisch gleichgesetzt.

Allerdings hat eine Kleptomanie zahlreiche sehr spezifische Anzeichen, die darauf schließen lassen, dass die Betroffenen einem erheblichen Leidensdruck unterliegen:
  • Menschen mit Kleptomanie verspüren einen starken inneren Drang, zu stehlen. Auch wenn sie wissen, dass dies Unrecht ist und sich deswegen gegen diesen Drang sträuben, steigt der innerliche Druck, bis sie diesen durch einen ausgeführten Diebstahl abmildern können.
  • Der Druck, den Diebstahl zu begehen, wird unmittelbar vor der Tat oftmals immer stärker und wird als nicht mehr kontrollierbar empfunden.
  • Im Moment des Diebstahls und direkt danach verspüren Menschen mit Kleptomanie einen Moment der enormen Erleichterung und Befriedigung.
  • Das Diebesgut an sich ist bei Menschen mit Kleptomanie zumeist nebensächlich. Der Diebstahl findet nicht statt, um ein bestimmtes Ding zu besitzen, sondern um die Handlung des Diebstahls zu begehen. Häufig werden die gestohlenen Gegenstände nicht verwendet, sondern verschenkt, achtlos gehortet oder sogar einfach weggeworfen.
  • Viele Menschen, die unter Kleptomanie leiden, verspüren aufgrund ihres Leidens eine tiefe Scham. Sie wissen, dass sie Unrecht tun und sie schämen sich dafür, dass der Akt des Stehlens ihnen Befriedigung verschafft. Fast allen Kleptomanen ist es enorm wichtig, dass andere nichts von ihrem Zwang oder gar den begangenen Taten erfahren.

Wie bei Kleptomanie geholfen werden kann

Da Kleptomanie in der Regel nicht die einzige Störung ist, die bei einem Menschen auftritt, ist die Behandlung zumeist ein sehr komplexer Prozess. Bei vielen Menschen, die unter Kleptomanie leiden, bleibt diese über Jahre unerkannt. Oft ist es der Moment, in dem sie bei einem Diebstahl ertappt werden, der eine Wende einleitet. Denn spätestens durch die juristische Verfolgung erfahren auch Angehörige von dem Leiden, eine Öffnung nach außen ist jetzt nur noch schwer zu verhindern.

Die Kleptomanie selbst wird mit zahlreichen Mitten aus der Verhaltenstherapie behandelt. Hierbei sind es vor allem zwei Ansätze, die Erfolg versprechen: Zum einen wird versucht, den Mechanismus, der zum Aufbau des innerlichen Drucks führt, zu erkennen und diesen möglichst früh zu durchbrechen. Die Stunden und Tage, an denen sich Betroffene bereits mit dem zukünftigen Diebstahl beschäftigen, in denen ihnen unwohl wird, die Unzufriedenheit steigt, bieten Raum, um sich aktiv Hilfe zu suchen. Oft sind es Gespräche mit Vertrauten oder eingeübte Entspannungstechniken, die hier Linderung verschaffen.

Der zweite verhaltenstherapeutische Ansatz, um Kleptomanie zu verhindern ist, entsprechende Situationen, in denen ein Diebstahl vorkommen kann, so zu verändern, dass dies nicht mehr möglich ist. Ein Ansatz ist es beispielsweise, nicht alleine einkaufen zu gehen, sondern ein Mitglied der Familie oder einen Freund mitzunehmen, der um die Problematik weiß. Auch gemeinsame Einkäufe unter Begleitung eines Therapeuten können erhebliche Erfolge zeigen.

Wichtig ist, dass Kleptomanie oftmals nur ein Symptom für andere Störungen ist. Viele Kleptomanen leiden unter Depressionen, Essstörungen oder einer Angsterkrankung. Diese Erkrankungen erfordern eine langjährige und komplexe Therapie, in deren Rahmen auch die Kleptomanie behandelt werden kann.

Wer bei Kleptomanie helfen kann

Wer den Verdacht hat, unter Kleptomanie zu leiden, sollte sich Hilfe suchen. Da die Scham über die eigenen Taten oder das eigene Leiden oftmals sehr groß sind, ist es hierbei nicht immer leicht, sich anderen anzuvertrauen. Deswegen ist der erste Schritt oftmals, sich einem Familienmitglied, dem Partner oder einer Bezugsperson aus dem engsten Freundeskreis zu offenbaren. Bereits dieser Schritt kann zu einer enormen Entlastung vom innerlichen Druck führen. Im nächsten Schritt ist es der Gang zum Arzt, der bei der Wahl eines passenden Psychotherapeuten hilfreich sein kann. Schlussendlich ist immer eine Therapie das Ziel. Diese oftmals mehrere Jahre dauernde Behandlung hilft, die eigenen Probleme nicht nur zu erkennen, sondern auch Umgangsweisen zu entwickeln, um dem Leiden standzuhalten und nicht mehr stehlen zu müssen. Eine endgültige Heilung wird hierbei oftmals nicht erreicht und ist auch nicht das Ziel der entsprechenden Therapie. Angestrebt wird in der Regel ein Erkennen von Symptomen und ein Einüben von Verhaltensweisen, die dabei helfen, den Druck zu lindern und somit einen geregelten und glücklichen Alltag führen zu können, in dem der Mensch die Kleptomanie beherrscht und nicht die Kleptomanie den Menschen.

Kleptomanie: Der Zwang zu Stehlen – Welt der Wunder

Bildernachweis:
Titelbild – Urheber: alexskopje / 123RF Lizenzfreie Bilder
Frau mit Kleptomanie – Urheber: cunaplus / 123RF Lizenzfreie Bilder

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